Training als Chance, Bericht Facheinsatz vom 31.05. – 14.06.2012

Nuria Emmenegger

Ankunft auf dem Gelände

Als wir in Addis im Büro von Sport–The Bridge ankamen, wurden wir von allen freudig begrüsst. Erik ist bei der ganzen Belegschaft ein bekanntes Gesicht und wurde wie ein alter Freund empfangen. Die Kids hatten ihre Mittagspause und spielten Pingpong mit abgenutzten Schlägern oder ruhten sich auf einer alten Matratze aus, die draussen auf dem Boden lag. Im Gemeinschaftsraum, den die Mitarbeitenden während der Pausen und des Essens nutzen, wurde gerade eine Kaffeezeremonie abgehalten. Wie es bei dieser Zeremonie üblich ist, lag frisches Gras am Boden verstreut, die Leute sassen beisammen, tranken den auf traditionelle Weise zubereiteten Kaffee und unterhielten sich angeregt. Wir wurden liebenswürdig willkommen geheissen und stellten uns einander gegenseitig vor. Dann ging es weiter zum Sportgelände – ein paar Gehminuten vom Büro entfernt. Es ist eingezäunt und genügend gross zum Fussball und Basketball spielen. Auch der „berühmte“ Dojo, welcher vom Goju Kan errichtet wurde, befindet sich auf diesem Gelände. Bei unserer Ankunft wurde darin gerade Karate unterrichtet.

Karateunterricht

Am Morgen trainierten wir jeweils für uns selber. Oft kamen die Kinder, die sich zurzeit im Resozialisierungsprogramm befinden, und platzierten sich rund ums Dojo, um uns beim Trainieren zuzusehen. Immer wenn wir eine Übung beendeten, applaudierten sie begeistert. Am Nachmittag unterrichteten wir zuerst die Sportleitenden von Sport–The Bridge. Dann kamen die Kids zum Trainieren aufs Gelände. Nach einem gemeinsamen Grüssen und Aufwärmen teilten wir die Jungen und Mädchen in zwei Gruppen auf. Das Trainingsprogramm war immer ähnlich strukturiert: Zuerst wurde an der Grundschule gearbeitet. Danach wurden die den Lernstufen entsprechenden Katas (Formen) gelernt und im letzten Teil ein paar Zweikampfformen eingeübt. Die Kids waren immer voller Elan dabei und gaben sich grosse Mühe. Auch diejenigen, die nicht mittrainierten, standen rund ums Dojo und sahen aufmerksam zu. Vor und nach dem Training übten die Kinder oft die Techniken, welche ihnen im Unterricht vermittelt wurden. Es war erstaunlich, mit welcher Bereitschaft sie sich einsetzten und wie leidenschaftlich sie sich bemühten, das anspruchsvolle Karate zu erlernen. Auch die Sportleitenden waren mit viel Engagement dabei. Obwohl ihre Beweglichkeit nicht ganz den notwendigen Voraussetzungen entspricht und es ihnen schwer fällt, die technischen Anforderungen zu meistern, übten sie mit erstaunlichem Willen und einer konzentrierten geistigen Kraft. Es war für mich ein eindrückliches Erlebnis, die Dankbarkeit der Teilnehmenden für den Unterricht zu erfahren und ihre wachsende Begeisterung für das Karate zu spüren. Wir nutzten natürlich die Gelegenheit, dass wir Sandro in unserem Team hatten – bereitwillig demonstrierte er eine Kata auf Wettkampfniveau. Die Zuschauenden waren beeindruckt, die Präsentation einer Form auf dieser Fertigkeitsstufe zu sehen und wurden in ihrer Motivation, diese Kampfkunst zu lernen, nochmals bestärkt.

Seminar mit dem Nationalteam

Vier Tage lang unterrichteten wir die Äthiopische Nationalmannschaft. Mit Ausnahme von ein paar einzelnen Frauen, waren die meisten Teilnehmenden Männer. Auch hier konntenwir erleben, wie alle es schätzten, von uns Europäern unterrichtet zu werden. Obwohl die meisten über günstige Voraussetzungen verfügten – sehr beweglich waren und sich schnell bewegen konnten – war doch offensichtlich, dass sie noch wenig Erfahrung im modernen Wettkampfkarate haben. Schnell merkten wir, dass es bei ihnen nicht üblich ist, den Gegner kontrolliert zu treffen. So war die Distanz ihrer Kicks und Schläge immer zu gross. Deshalb arbeiteten wir während allen vier Tagen intensiv an der Präzision der technischen Ausführung und der Distanz zum Gegner. Erstaunt stellte ich fest, wie schnell die Teilnehmenden lernten. Sie waren während des Trainings begeistert. Die Pausen nutzten sie nicht etwa, um sich auszuruhen, sondern übten weiter und versuchten die aufgenommenen Informationen umzusetzen. Ein besonderer Erfolg war, dass sich der Nationalcoach des äthiopischen Karateteams bereit erklärte, die Kinder von Sport–The Bridge persönlich zu unterrichten. Ein weiterer wertvoller Schritt der Zusammenarbeit und der Erweiterung des Kampfkunstprojekts konnte so realisiert werden.

Persönliche Eindrücke

Am meisten beeindruckte mich, wie heiter die Menschen wirkten. Obwohl manche von ihnen weniger als nichts besitzen und unter schlimmsten Bedingungen leben müssen, hinterliessen sie bei mir trotzdem einen zufriedenen Eindruck. Als gewöhnungsbedürftig empfand ich, dass man überall angesprochen wird und die Leute kurz mit einem reden wollen – auch wenn sie dies manchmal nur tun, um ihr Englisch auszuprobieren. Sogar wenn wir joggen gingen, riefen und winkten sie uns zu und lachten uns fröhlich an. Die Kinder von Sport–The Bridge wuchsen mir sofort ans Herz. Da die Menschen so offen und kontaktfreudig sind, brauchte es nicht lange, bis wir uns gegenseitig kennenlernten. Ich spürte, wie dankbar die Kinder, aber auch die Erwachsenen waren, dass wir von soweit herkamen, um sie zu unterrichten und auf diese Weise zu unterstützen. Schnell entwickelte sich eine intensive und bereichernde Zusammenarbeit. Ihre Dankbarkeit kam besonders stark beim Verabschieden zum Ausdruck. Die älteren Kids fragten uns mit grossen Augen, wann sie uns wieder sehen könnten. Wir mussten ihnen versprechen, dass wir sie nicht vergessen und bald wieder besuchen würden. Für mich ist klar, dass ich nicht das letzte Mal in Addis Abeba war. Denn wer einmal die Kinder und Mitarbeitenden von Sport–The Bridge kennengelernt und hautnah miterlebt hat, wie sie durch einen Beitrag in ihrer Entwicklung unterstützt werden können, wird dies nicht so schnell vergessen. Der Austausch mit den Menschen war für mich eine intensive Erfahrung und ich ertappte mich dabei, wie ich schon anfing, meinen nächsten Aufenthalt in Addis Abeba zu planen, bevor ich überhaupt abgereist war.

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